Grenzerfahrung

an der Bauchspeicheldrüse erkrankten Menschen. Was bedeutet eine Pankreas- / Bauchspeicheldrüsenerkrankung für das Umfeld der Patienten?
Hier können sich Angehörige und Freunde von Pankreas- / Bauchspeicheldrüsenpatienten austauschen
und haben die Möglichkeit über andere Angehörige / Freunde Rat und Hilfe zu finden.
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Manu1966
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Grenzerfahrung

Beitrag von Manu1966 » 14. August 2015, 22:17

Liebe Mitkämpfer,

Ich bin angekommen – an dem Punkt, an dem es nichts mehr schönzureden, nichts mehr zu verdrängen gibt...

Rückblickend verstehe ich überhaupt nicht mehr, wie ich so perfekt (nein, das ist jetzt kein Eigenlob, es war halt einfach so) funktionieren konnte. Das Todesurteil kam am 15. Januar, und seitdem bin ich nur am Kämpfen. Und ich war lange Zeit ganz allein mit meinem Wissen um die Ernsthaftigkeit der Diagnose BSPD-Karzinom. Unser Hausarzt hat zwar meinem Mann gesagt, was er hat – das war es dann aber auch. Ich war ein paar Tage danach allein bei ihm, und da hat er Tacheles geredet: Noch ein halbes Jahr, 5-Jahres-Überlebensrate, Palliatie, künstliche Ernährung etc., etc......

Ich sehe mich heute noch nach dieser Ansage in meinem Auto sitzen – SCHREIEND. Ich habe geheult und geschrien wie eine Verrückte. Eine gemeinsame Freundin angerufen – die hat sofort losgeheult. Wir haben zusammen geweint, ich hab mich zusammengerissen, bin irgendwie nach Hause gefahren - und mein Mann hat nichts gemerkt. Ich habe es auch seiner Mutter, mit der wir in einem Haus leben (auch das noch) nicht die Wahrheit gesagt – die Frau ist herzkrank, ich dachte, die kippt um, wenn sie das hört.

Im Nachhinein: Ganz großer Fehler.

Zum einen MUSS ein Mensch wissen, wie es um ihn steht. Zum anderen: Man kann das auf Dauer nicht alleine schultern.

Ich dachte mir, ich sag ihm das nicht, damit er nicht das Kämpfen aufgibt. Jetzt weiß ich, wie kurz und verkehrt ich da gedacht habe: Der Überlebensinstinkt und damit der Kampfgeist kann erst dann einsetzen, wenn sich die Todesangst einstellt. Und überhaupt – mein Mann hatte bis jetzt „Glück“. Anderen bleiben nach der Diagnose nur noch ein paar Wochen – und die sind wichtiger als all die Jahrzehnte zuvor.. Diese Zeit muss genutzt werden können, um noch irgendwas Schönes zu erleben und wichtige Dinge zu ordnen. Ich war so dumm...

„Vergessen“ hatte ich z. B. Google... Mein Mann hat Verstand und Intelligenz genug, im Internet die Wahrheit, die ich ihm vorenthalten habe, zu finden. Auf ganz seriösen Websites, die man nicht als reißerisch abtun kann.

Und wenn erstmal die Chemo losgeht und der Onkologe Dein „bester Freund“ wird, ist doch ohnehin alles klar. Spätestens dann gibt es keine schonenden Lügen mehr...

Eine ganz andere Frage ist die, wie perfekt man sich selbst belügen kann. Irgendwann in den letzten Tagen musste ich feststellen, dass a) ich nicht nur meinen Mann, sondern auch mich selbst belogen habe, und dass b) jetzt die ganze knallharte Realität auf mich niederprasselt.

Mein Mann baut immer mehr ab. Er hat den fiesesten Krebs, den es überhaupt gibt. Ich habe Studien gelesen, eine nach der anderen. Immer und immer wieder derselbe Konsens; frei zitiert: „So wirklich festmachen kann man dieses und jenes nicht – die Anzahl der Betroffenen ist zu gering, die Überlebensrate reicht nicht aus, um gefestigte Ergebnisse zu erzielen“-

Urplötzlich trifft mich das wie ein Hammer, ich wusste es und wollte es nie wahrhaben: Mein Mann ist grad mal 50 Jahre alt – und wird sterben. In absehbarer Zeit. Ich bin 49 – und werde Witwe werden. BASTA. Nicht heute, nicht morgen, vielleicht auch nicht in einem, zwei, oder drei Jahren.

Mein Mann wird sich ziemlich 100 %ig nie wieder unters Messer legen – wo und wann auch immer das mit 99 %iger Wahrscheinlichkeit auftretende Rezidiv zuschlagen wird – das wird das Ende sein.

Mir bleibt nur, mich auf diesen Moment vorzubereiten und die Wünsche und den Willen meines Mannes zu akzeptieren.

Es ist schwer genug, diese Krankheit anzunehmen – den Tod anzunehmen, hat bei mir sieben Monate gedauert. Und diese Annahme, diese Erkenntnis, haut mich grad mal so richtig um.

Keine Zukunftspläne mehr, kein gemeinsames Rentenalter genießen, aus mit den Träumen....

Und das ist jetzt meine Aufgabe: Realisieren, das Schicksal annehmen und Kraft zu sammeln, um meinen Mann gehen lassen zu können, wenn es soweit ist.

Diese Erkenntnis hat mich getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ich bin fix und fertig und muss mich an den Gedanken erstmal gewöhnen. Andererseits ist das ok, ich kann meinem Mann nicht helfen, wenn ich die Augen verschließe und schönrede, wo es nichts mehr schönzureden gibt.

Natürlich hoffe ich noch – aber mein Verstand tut genau das Richtige: Er bereitet mich vor.

Ich bin tieftraurig, ich habe furchtbare Angst.

Aber mein Mann braucht mich – und dafür lebe ich. Wenn er denn sterben muss, wenn uns diese unaussprechliche Grausamkeit nicht erspart bleibt, dann will ich bis zu diesem Zeitpunkt soviel Kraft gesammelt haben, dass ich ihm und mir einen würdigen Abschied bereiten kann.

Mir zerreißt das Herz....
Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens.

sternej
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Re: Grenzerfahrung

Beitrag von sternej » 19. August 2015, 20:57

Liebe Manu,

ganz, ganz vielen Dank, dass Du das alles mit uns geteilt hast. Es wird sicherlich vielen von uns eine große Hilfe sein, uns selbst der Wahrheit zu stellen.

Ich finde toll, dass Du jetzt den Mut hast die Krankheit anders als bisher anzugehen, auch wenn es mega, mega, unvorstellbar hart ist.
Du und Dein Mann, ich glaube ihr seid ein tolles Team und werdet Euch jetzt noch mehr gegenseitig unterstützen können, wenn ihr einfach wahr und ehrlich miteinander umgehen könnt. Es kostet soviel Kraft sich zu verstellen. Ich glaube, dass hat auch eure gute Ehe verdient. Ich wünsche Euch viel, viel Kraft sich auf das schwere vorzubereiten und gleichzeitig trotzdem noch die Zeit miteinander genießen zu können und tief innen noch eine kleine Hoffnung bewahren, dass trotz allem auch noch Wunder geschehen können.
Ich bete für Euch, dass Ihr bei schwierigen Entscheidungen, einen kühlen Kopf bewahrt und den für Euch richtigen Weg findet.

Gottes Segen und viel Kraft für das vor Euch liegende
Esther

Gupili
Beiträge: 1
Registriert: 24. August 2015, 11:47

Re: Grenzerfahrung

Beitrag von Gupili » 24. August 2015, 11:54

Liebe Manu,

aufgrund einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung (die abgeklungen ist, die Blutwerte müssen noch gecheckt werden) bin ich auf dieses Forum gestoßen und habe einige Beiträge gelesen, so auch Deine teilweise.

Da mein Vater vor einigen Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben ist, kann ich mich etwas in Deine Situation versetzen.

Was ich Dir schreiben wollte: gestern habe ich eine aufgezeichnete Sendung gestehen: Wunder Heilung, die mal in 3Sat lief. Es ging um etliche Krebsfälle, um Heilungen, wo Ärzte Patienten abgeschrieben hatten. Eine sehr interessante Sendung, wo u.a. auch über die Hufelandklinik berichtet wurde bzw. alle möglichen Verfahren. Einer der Fälle hatte auch Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er ist durch eigene Gebete, seinen Glauben und auch Akzeptieren der Krankheit entgegen aller Meinungen der Ärzte geheilt worden.

Gib die Hoffnung nicht auf. Der Geist und auch der Körper haben manchmal noch Kräfte, selbst wenn Ärzte einen aufgeben. Kennst Du die Kräuterbücher von Maria Treben? Sie hat dort auch über Krebsheilungen geschrieben mit Kräutermischungen. Unter anderen soll wohl eine Mischung "Schwedenbitter" oder "Schwedenkräuter" sehr gut helfen bei vielen Krankheiten und auch, um das Immunsystem zu stärken. Das gibt es bei Amazon u.a. auch alkoholfrei. Wir haben damals bei meinem Vater auch alles versucht, leider hat es nicht sollen sein. Mein Vater hatte aber auch jahrelang immer Angst vor Krebs und oft zieht man ja das, wovor man Angst hat, zu sich heran.

Ich wünsche Euch beiden ganz viel Kraft und Trost. Wir haben damals, als es gar nicht mehr ging, das Mittel Citalopram genommen, meine Mutter und ich. Das hat uns den Umgang mit der Situation etwas erleichert, da wir dann nicht mehr ganz soviel Angst hatten und meinem Vater gegenüber gelassener sein konnten.

Liebe Grüße, Gupili

allradl6
Beiträge: 2
Registriert: 21. Februar 2016, 14:30

Re: Grenzerfahrung

Beitrag von allradl6 » 21. Februar 2016, 15:37

Liebe Manu,

ich bin eben grad erst auf die Seite gestossen, obwohl ich seit 2 Jahren betroffen bin. Leider erschliesst sich mir nicht so recht, wann der Beitrag geschrieben wurde. naja, macht ja vielleicht nichts.

Aber ich möchte unbedingt allen, die das hier lesen Mut machen. Mein Mann (leider haben wir uns erst vor 8 Jahren gefunden) ist vor 2 Jahren plötzlich an Pankreaskrebs erkrankt. Ich weiss noch, wie geschockt ich war. Ich habe glaube ich zwei Wochen durchgeweint und ich dachte, er schafft es nicht. Nebenbei musste ich (manchmal denke ich, zum Glück) noch zwei Kinder versorgen. Kinder halten einen hoch. Gott sei dank waren sie da.

Und dann haben wir angefangen zu kämpfen. Mein Mann und ich, zusammen. Ich war die ersten 4 Monate krank geschrieben. Mein wirklich humaner Arbeitgeber hat mitgemacht. (Und wenn ihr keinen solchen Arbeitgeber habt - macht es trotzdem). Es war eine gute Entscheidung, jeden Tag da zu sein, meinem Mann zur Seite zu stehen, mit Ärzten zu sprechen. Wir haben zwei Mal das KH gewechselt (wir waren leider mit zum Teil unfähigen Ärzten konfrontiert) und sind jetzt bei uns zu Hause in sehr guter ambulanter Behandlung.

Was soll ich sagen, wir haben die erste Hürde genommen. Der Tumor in der Bauchspeicheldrüse ist weg! Es war wie ein großes Wunder. Die Ärzte sind auch total baff. Was haben wir getan: Eigentlich nicht viel. Wir haben geglaubt, wir haben uns gegenseitig gestützt, haben jeden Augenblick, wo es ihm gut ging genossen, haben gelacht, Pläne gemacht (ganz wichtig), gut gegessen und niemals das Ziel aus den Augen verloren. Es wird gutgehen! Egal wie schlecht die Prognose ist.

Jetzt bekämpfen wir noch die Metastasen in der Lunge. Aber auch das werden wir schaffen. Ich wünsche allen ganz viel Mut und Kraft. Vielleicht hatten wir einfach Glück. Aber ich glaube, durch die extrem positive Einstellung meines Mannes, den unbändigen Lebensmut und die große Liebe zwischen uns und die viele Liebe und Unterstützung durch Familie und Freunde, Arbeitgeber und dem ganzen lieben Umfeld, in dem wir leben dürfen, haben wir es so weit geschafft.

Ich wünsche allen hier, dass Euch das gleiche passiert. Und wir sind das beste Beispiel - es kann passieren!

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